Leseprobe
aus Sabina Lorenz: Annes Mosaik. Roman
(Auszug aus dem ersten Kapitel)
1
Eine lila Stille
Dies war der Tag, an dem Toni mich anrief, die Leitung knisterte von der Ferne, er sagte, Anne ist tot. Wegen mir hätte sie damit warten können, bis ich sie noch einmal sah, und auch wenn sie alt war, sie starb ganz einfach zu schnell.
Das trieb mich aus dem Haus.
Ich lief durch diesen Londoner Stadtteil, der Herbstwind jagte den Müll durch die Straßen, blähte meine Jogginghosen auf, und im Park riß er die Blätter von den Bäumen. Ein paar Kinder ließen Drachen steigen, einen roten, sein Schlangenschwanz tanzte durch die Luft, er knatterte, er raschelte, rauf, runter, höher, tiefer, bis er stürzte. Rote Schnauze voran in den Schlamm.
Der Schweiß klebte mir Staub ins Gesicht, meine Lungen brannten, langsamer ging ich vorbei an den Obdachlosen. Der Wind stob hinein in ihre Einkaufswagen, zerrte an ihren Tüten und trug die stets gleiche müde Frage an mein Ohr: Got some change, love?
Zwei Frauen küßten sich im Gehen, Jungen mit Rap–Mützen auf dem Kopf brüllten ihnen Obszönitäten nach, der Berufsverkehr staute sich an meinem Weg entlang. Ein Abgasgestank, der sich in die Nase einbrannte und in meine Augen stach, wann immer ich zurück nach London kam. Aus Bayern, wo Toni wohnte und auch Anne. Nicht mehr wohnte.
Dies war der Tag, an dem ich an der Straße zuerst nach links sah. Wie einst an der Durchgangsstraße, auf der die Zwölftonner an Annes Haus vorbeidonnerten, in dem ein sechzehnjähriger Junge beim Abendessen saß. Toni zwanzig Jahre zuvor. Wurde rot, wenn ihn jemand ansprach. Konnte nicht mehr rechnen, nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen. Sein Mund zitterte, sobald jemand ein Buch vor ihn legte. Seine Hände immer kalt, immer naß, seine Achselhöhlen schwitzig. Und Anne, schon damals nicht mehr die Jüngste, schob einen weiteren Stuhl an den Tisch. Ich war stehengeblieben, ohne ein Wort, mir hatte es die Sprache verschlagen.
Langsam stieg ich die Außentreppe zu meinem Appartement hinauf. In der Wohnung über mir jagte der Junge einen Rap durch seine Anlage, und ich setzte mich an den Küchentisch, zog die Nadel aus meinem Haarknoten und legte sie auf die Hundertpfundnote, die dort offen herumlag. Sicherheitsschlösser nützen nicht viel, wenn Einbrecher die Tür einfach einschlagen, und die Verwüstung, die sie dann anrichteten, um etwas Verwertbares zu finden, hinterließ jedesmal eine Gänsehaut auf meinem Rücken.
Es war schnell gegangen, hatte Toni gesagt. Am Morgen noch hatte Anne Besuch verabschiedet, und mittags hatte die Putzfrau sie auf dem Küchenboden gefunden. Ich wußte nicht, daß sie eine Putzfrau hatte, aber sie war alt, sie konnte nicht mehr alles alleine machen, natürlich nicht.
Ob sie gelitten hat?
„Sie ist nach dem Schlaganfall nicht mehr aufgewacht, sie ist in der gleichen Nacht gestorben.“
„Hat man denn wirklich nichts mehr tun können?“
„Sara, sie war fünfundsiebzig.“
„Ja, aber ich wünschte, ich hätte sie noch sehen können.“
„Dafür warst du nicht schnell genug“, sagte er, und das war alles; am Telefon gibt es nicht viel zu erzählen.
Ich schüttelte mein Haar aus, fuhr mit den Fingern hindurch, der Knoten war zu straff gesessen heute, ein graues klebte an meiner Hand.
Ich hatte sie länger nicht mehr angerufen, vor vier Wochen das letzte Mal. Es geht mir gut, die Arbeit, ja, sie läuft, und deine Hüfte, Anne, sei vorsichtig damit. Nun, ein paar Zeilen halt, nicht mehr. Was ihren ergrauten Kopf zum Schütteln hätte bringen können, dort, am anderen Ende der Leitung, was ihrer Stirn noch mehr Runzeln machte, das hatte ich verschwiegen.
Alles, was eine Niederlage bedeuten könnte in ihren erblaßten Augen, was mich wieder achtzehn werden ließ.
Mittendrin brach der Rap ab, doch der Rhythmus wummerte weiter in der Stille, tonlos in meinen Ohren. Ich rief die Zeitarbeitsfirma an, ein Todesfall, Oh, I’m sorry, in Deutschland, bräuchte ein paar Tage frei, auch wenn ich in der Probezeit war. Was beinhaltete, daß ich gefeuert wurde. Was mir nicht besonders leid tat. Zeitarbeitsfirmen gab es genug, eine Schreinerin hatten sie alle nicht brauchen können. Es bedeutete nur, daß ich morgen ausschlafen konnte. Wenn du um vier in der Früh aufstehen mußt, um pünktlich um sechs zu deinen Mikrochips zu kommen, heißt sechs Uhr aufstehen ausschlafen. Ich stellte den Fernseher an, den ich für fünfzehn Pfund am Flohmarkt gekauft hatte. Eine Vorabend–Fernsehserie, dann kam Werbung, dann ging die Seifenoper weiter, folgen konnte ich ihr nicht, war auch gar nicht nötig. Ein wenig eingelullt in diese Dramen, die weder mit mir etwas zu tun hatten, noch mit einer rechthaberischen, toten Hauptschullehrerin aus Bayern. Drei Ehemänner hatte sie begraben, den letzten vor einem Jahr, und jetzt konnte sie sich selbst dazu legen. Ich kochte mir Tee, ließ mich in das Sofa fallen und zündete meine Pfeife an. Die Anne amüsiert hatte. Stilvoll fand sie das. Exzentrisch, meinte Toni. Aber als ich meine alte verloren hatte, irgendwo liegengelassen in einer Kneipe, hatte er mir diese geschenkt. Da war Toni schon nicht mehr schwitzig, nicht mehr rot und nicht mehr dumm. Arbeitete in einer Gärtnerei, studierte Fahrzeugtechnik.
Bald, hatte Anne immer wieder gesagt, aber dennoch hatte es über ein Jahr gedauert, bis er wieder schreiben, lesen, rechnen konnte, und von da an war es nur noch der kleinere Weg, sich an all das zu erinnern, was er gelernt hatte.
Nicht vergessen.
Aber begraben.
Geduld haben, sagte Anne, und ich sagte nichts, mir hatte es die Sprache verschlagen.
Die klebte fest in meinem Kopf, in meinem Rücken, in meiner Brust, darum herum das Vakuum von mir zu allen anderen, zu ihnen.
Kein Weg hinein. Kein Weg hinaus.
Ruhig war es gewesen, bevor ich sie wiedergefunden hatte. Fand Toni.
Ein roher Klumpen Zorn, das war ich. Danach. Ich lehnte mich im Sofa zurück und rief Freunde an, die sich um meine Wohnung kümmerten, dann ließ ich heißes Wasser in die Wanne laufen und versank bis zum Hals im Schaum. Wer ist diese Anne?, hatten mich meine Freunde manchmal gefragt, und meine Antwort – Eine Frau, bei der ich zwei Jahre lang gelebt hatte – lapidar, denn sie war viel mehr. Aber dazu hätte ich weiter ausholen müssen, und vor allem das Kind, die Jugendliche, die ich einmal war, preisgeben, und deshalb ließ ich es bleiben.
In der Wanne nickte ich ein und träumte vom Turm. Ich war wieder achtzehn, kam in den Turm wie damals und stieg diese endlosen Stufen hinauf. Doch als ich oben war, endlich, da war kein Zimmer, ich stand im Freien. Hunderte von Metern über der Erde blickte ich über eine Ebene, und irgendwo hinterm Horizont, da war etwas, und da wollte ich hin. Das wußte ich, aber ich wußte weder, was es war, noch wie ich dorthin kommen könnte. Und die Alte aus dem Turm, die stand neben mir, sie sagte, du bist zwanzig Jahre älter jetzt, jetzt mußt du es alleine herausfinden.
Der Wind fuhr ums Haus und rüttelte an den Fenstern. Anne hatte den Herbst gemocht, geliebte Lebenszeit, geliebte Sterbenszeit.
In diesen Tagen, in denen Sara nach Bayern zurückkehrt, kniet auf einem Fensterbrett ein Kind in einem rosa Kleid. Das Gesicht verschlossen gegen die Welt in ihrem Rücken kaut es auf einem Fingernagel und sieht den Blättern zu, die vom Wind an der Scheibe vorbei gewirbelt werden. Braune, rote, gelbe und ein paar grüne, der Herbst macht viele Farben, sie sind nicht nur rot und gelb, sie sind hellgelb, dunkelgelb, zinnoberrot, ockergelb, feuerrot, hellrot und zitronengelb. In der schrägstehenden Sonne wirft das Mädchen einen Schatten, der sich teilt, vom Fensterbrett hinab auf die nackte Barbiepuppe am Boden. Blechern tropft in der Küche der Wasserhahn, sonst ist es still.
Eine lila Stille.
Wenn die Mutter Kopfschmerzen hat, wird sie lila. Wenn die Mutter lila ist, darf das Mädchen ihr nicht im Weg sein. Das Mädchen versucht aus dem Weg zu sein, so gut es geht, dennoch schwappt die lila Farbe durch die Wohnung. Und lila, sagt die Mutter; du weißt genau, warum.
Kommt der Vater nach Hause, hört ihr Kopfweh auf. Doch der Vater kommt manches Mal erst nachts. Dann hört das Mädchen, wie sie sich streiten, die Mutter mit Schmerzen, der Vater unschuldig, und sein Schatten gleitet an ihr Bett, verstohlen, hitzig, tut nicht weh, webt ein Netz um das Schattenkind, das da liegt, und es lächelt, schau wie es lächelt, so rosa, so süß. Das Mädchen kippt das Fenster einen Spalt, fängt die wehenden Farben ein mit ihrer Hand, eine andere Farbe, denkt sie, durchtränkt vom Rosa ihres Kleides.
In der Ecke über dem Fenster baut eine Spinne ihr Netz. Das Kind stupst sie mit dem abgekauten Finger an, die Spinne läßt sich fallen, krabbelt über das Fensterbrett davon, auf die ausgestreckte Hand des Mädchens. Die greift nach einem Bein, langes, dünnes Spinnenbein, und reißt es ab.
Die Spinne schwankt, torkelt, fällt von der Hand, humpelt, fällt vom Fensterbrett auf den Boden in den Schatten des Kindes. Kleine, feine Spinne, und der tut nichts weh.
Das Mädchen schaudert. Sie rutscht vom Fenster und schleicht am Schlafzimmer vorbei, wo ihre Mutter mit Schmerzen die Sonne aussperrt, damit sie keine Schatten wirft.
Sie überlegt, ob sie irgend etwas tun könnte, was ihrer Mutter die Schmerzen nimmt. Kurz bleibt sie stehen, kraust die Stirn, doch es fällt ihr nichts ein. Weil niemand in Rosa denken kann. Sie will etwas sagen, etwas Liebes, Tröstliches, doch es fällt ihr nichts ein. Weil niemand in Rosa sprechen kann. Dazu benötigt man Rot oder Blau oder Gelb, jedenfalls etwas Eindeutiges, und auf keinen Fall Rosa.
Auf Zehenspitzen geht sie ins Bad, pinkelt etwas Rosa aus sich heraus, dann hüpft sie am Waschbecken auf und ab, um zu sehen, wer sich heute im Spiegel versteckt. Sie weiß, daß diese Kinder, die sie aus dem Spiegel heraus ansehen, sie selber ist. Sie weiß das, weil ihre Mutter und ihr Vater und alle das sagen. Deshalb hat sie irgendwann beschlossen: Die Kinder im Spiegel, das sind ihre Sonnen. Oder das Kind der nächtlichen Schatten. Das vermutet sie jetzt zu sehen, sie hüpft auf und ab, streckt ihre Zunge raus, Schattenkind, geh weg, dann steigt sie auf den Wannenrand, starrt in den Spiegel. Und sieht nichts.Ein hohes Summen wie von Wespen in ihren Ohren, im Kopf, mal lauter, mal leiser vibriert es, bebt es, schwebt es, brummt es, summt es, und ein Mädchen mit einem Wespennest im Kopf schleicht aus einem Bad, in dem das Nichts sich im Spiegel versteckt.
„Mami“, flüstert sie.
„Ich habe Migräne.“
„Mami“, flüstert sie in das abgedunkelte Zimmer hinein. „Mami, ich kann mich nicht sehen.“
„Ich bin krank, kannst du das nicht sehen?“
„Mami“, flüstert sie.
„Was willst du?“
„Mami“, flüstert sie mit diesem kalten Summen in den Ohren. „Mami, darf ich raus?“
Wann immer ich nach Bayern zurückkam, erschlug mich die Sauberkeit. Kein Müll, die Stäubchen aufgeleckt, frisch geputzt der BMW, wo ist er, der bayerische Dreck? Ich sah an mir selbst herab, meine Kleider tausendmal gewaschen und farblos wie der Londoner Winter.
Und diesmal war es noch dazu unglaublich naß. In Tonis Wohnung wuchsen mehr weiße Pilzsporen denn je, und als die Salzach über die Ufer trat, stand der Keller unter Wasser. Toni meinte, es wäre meine Schuld. Immer wenn ich zurückgekommen war, wäre irgend etwas passiert. Das letzte Mal, an Weihnachten, fror die Wasserleitung im Keller ein, das vorletzte Mal war es eine Fensterscheibe, die vom Sturm eingedrückt worden war. Er meinte, dazwischen wäre nichts geschehen.
Mit meinem Rucksack ging ich durch den Flur. Aus der oberen Wohnung hüpfte Reggae–Musik die Treppen hinab, sonnige Verheißung gegen die wolkenschwere Trübsal, die Wände schwitzten den vertrauten Moder aus, ein bißchen stärker diesmal, Holz und klamme Kohlen. Die drei Zimmer aufgereiht an einer Seite, an der anderen die Steinstufen hinab zum Keller, der unablässig Feuchtigkeit rülpste. Lottie, das hellbraune struppige Vieh, bellte, winselte, hüpfte an mir hoch, und Toni schloß die Haustür. Er fluchte, als sie wieder aufsprang, dieses Haus würde demnächst unter sich zusammenbrechen, aber bis es soweit war, dauerte es garantiert noch einmal hundert Jahre. Toni war hagerer geworden, sein Gesicht kantig, doch seine schwarzen Haare zeigten, anders als meine, noch keine grauen Strähnen. Er wurde oft in gebrochenem Deutsch angesprochen, von Deutschen. Früher hatten die Leute uns häufig für Geschwister gehalten. Wegen unserer dunklen Augen und Haare. Er, der ältere Bruder, ich die jüngere Schwester. Stimmte zwar nicht, nicht einmal das Alter, aber ich war immer schon klein gewesen, und er charmant.
Ich räumte meine Taschen in das Gästezimmer, das etliche Jahre lang Toni und Heike als gemeinsames Schlafzimmer gedient hatte. Kein Bett mehr, nur eine Matratze auf einem Lattenrost, ein ausgedientes Sofa und ein Frisierspiegel mit Kommode. Am Fenster schaukelte ein Prisma an einem Nylonfaden.
„Hast du nicht gesagt, du wolltest das Zimmer renovieren und zum Arbeiten nutzen?“
„Ich bin nicht dazu gekommen.“
„Seit März?“
„Zuerst wollte ich nicht, dann kam der Sommer, und da war zuviel zu tun in der Gärtnerei“, sagte Toni und räumte den Wäscheständer aus dem Gästezimmer in das winzige Wohnzimmerchen, das bis unter die Decke zugebaut war mit Bücherregalen.
Toni hatte wohl mehr Bücher gelesen, als ich jemals werde. Hatte Fahrzeugtechnik studiert. Nach Heikes Auszug allerdings hatte er alles hingeschmissen. Arbeitete in einer Gärtnerei und wollte erneut studieren.
„Hast du was von Heike gehört?“
„Ja. Die Einladung zu ihrer Hochzeit. Habe ich dankend abgelehnt.“
Später schaufelte er eine Ladung Kohlen in den Kachelofen, und ich sah aus dem Küchenfenster und stopfte die Pfeife. Ich schwieg, und Toni goß Tee auf und sagte nichts. Nach fast einem Jahr gab es zuviel zu erzählen.
„Wie ist es Anne ergangen, bevor sie starb?“
„Sie hat es geahnt. Seit Josephs Tod hat sie sich von Monat zu Monat älter gefühlt.“
Ich zog eine Schublade am Büfett auf und suchte inmitten der Gummibänder, Kugelschreiber und Kassenzettel nach Streichhölzern. Wie es Anne wohl zumute war, nachdem ihr dritter Ehemann starb? Das Haus leer, kein Mann auf dem Sofa, dem die Schüttellähmung die Kontrolle über seine Hände raubte. Dem sie beim Anziehen, Waschen und Essen helfen mußte, bis er auf einmal nicht mehr da war, unwiederbringlich fort. Joseph, der letzte ihrer Männer, mit dem sie fünfzehn Jahre ihres Lebens teilte.
Anne hatte nicht geklagt. Nicht am Telefon. Nicht, als ich sie hernach besuchte. Es gäbe Dinge, die von ihr abhingen, und andere, die unabhängig von ihr ihren eigenen Lauf nahmen. Schon vor neunzehn Jahren hatte sie versucht, mir diese Lektion beizubringen. Doch bei mir, die ich zuerst sprachlos, dann mit wildem Zorn Annes offene Türen einrannte, fielen ihre Worte auf fruchtlosen Boden. Und das taten sie auch jetzt noch.
Ich schloß die Schublade und setzte mich.
„Hat sie dich oft besucht?“
„Nein.“
„Aber es sind doch nur ein paar Kilometer.“
„Deshalb war ich auch seit Josephs Tod fast jedes Wochenende bei ihr. Aber sie war häufig mit ihren Gedanken woanders.“
Er rieb sein stoppeliges Kinn.
„Sie hätte dich gerne noch einmal gesehen. Sie hat sich Sorgen um dich gemacht.“
„Sorgen?“
„Du warst so einsilbig am Telefon, hat sie gesagt.“
„Warum hat sie mich dann nichts gefragt?“
„Sie dachte, du wolltest einige Sachen lieber für dich behalten.“
„Was für Sachen?“
„Irgendwelche Sachen, derentwegen sie sich Sorgen machen müßte.“
„Aha.“
„Was ist mit deiner Nase?“ fragte er.
„Ist sie noch schief?“
„Größer. War sie schief?“
„Hab eins drauf gekriegt.“
„Von wem?“
„Jeff“, sagte ich und zündete meine Pfeife an. „Er war eifersüchtig, hat mich beschimpft, ich habe seine Küche demoliert, er hat meine Nase eingeschlagen, und das war’s.“
Toni schenkte frischen Tee in die Tassen, wortlos, umständlich öffnete er das Honigglas.
„Du hast manchmal einen ganz schön miesen Geschmack, was Männer angeht.“
„Meinst du?“
Ich blies eine Ladung Rauch aus Vanillearoma in seine Richtung, die mich, die uns beide in eine Zeitmaschine katapultierte.
„Wenn du schon von Geschmack redest, kann ich nur sagen, daß du bei Frauen auch deutlich danebenlangst.“
„Du konntest Heike nicht leiden. Das ist alles.“
„Sie hat die begnadete Fähigkeit, nicht ein einziges Mal über ihren Tellerrand hinauszusehen. Sie hat dich nicht verdient.“
Er stand an der Anrichte, den Honiglöffel im Mund.
„Ihr hattet euch wirklich nicht viel zu sagen“, antwortete er. „Wie lange wirst du bleiben?“
Ich holte bereits Luft, da legte er eine Hand auf meine Schulter.
„Nein, ich will dich nicht loshaben.“
Und ich erwiderte endlich sein Lächeln.
„Eine Woche“, sagte ich und nuckelte an der Pfeife. „Toni, ich habe vom Turm geträumt. Gestern abend.“
Er fuhr sich durch die Haare, dann setzte er sich zu mir an den Tisch. Den langen Holztisch, den ich ihm einmal geschreinert hatte.
„Was ist? Warum sagst du nichts?“
Er grinste in seinen Dreitagesbart, ein wenig dünn, ziemlich still.
„Ich auch.“
„Du auch?“
„Vom Turm. Und von der Alten.“
Ich rührte in meiner Tasse, lange, bis Toni schließlich seine Hand auf meine legte.
„Aber Sara“, sagte er. „Ich denke, das ist normal. Jetzt, wo Anne gestorben ist.“
„Ja“, sagte ich. „Wahrscheinlich ist es normal. Wahrscheinlich hast du recht.“
Verkrochen hinter dem Sofa liegt ein pummeliger Junge, im Gesicht noch Spuren von Tränen, den Mund trotzig zusammengekniffen, aus seiner Nase läuft der Rotz. Oliver wischt ihn nicht ab. Er kratzt mit den Fingernägeln die Tapete von der Wand und horcht auf Schritte, dort hinter dem Sofa, auf Stimmen, der klagenden seiner Mutter mit den rotverweinten Augen, der barschen seines Vaters, das wird ihm hoffentlich eine Lehre sein. Er hat einen guten Grund, ihn zu schlagen. Es gibt viele Gründe, Stehlen ist nur einer davon, und nach jedem Mal schlägt er mehr, denn das Kind lernt nicht, auch wenn seine Bewegungen hölzern sind und es lieber kniet als sitzt. Der Lohn für das fehlende Geld aus dem Portemonnaie seiner Mutter ist die kurze Begeisterung der anderen Kinder, die sonst herumhacken auf dem kleinen Dicken, der wirklich nicht der Schnellste ist, der sich im Sportunterricht nicht ausziehen will. Und wenn doch, da versteinern Gesichter, da runzeln Sportlehrer die Stirn über so viel Schlechtigkeit in einem Kind. Worüber sogar die Mutter weinen muß. Sie hat keine wirkliche Macht. Nicht die, ihn selbst richtig zu bestrafen, und noch nicht einmal die, dem Vater nichts von Olivers Verbrechen zu erzählen.
Aber der Junge, der hat Macht, und zwar eine ganz spezielle. Wenn seine Eltern sich bekriegen, wenn der Vater brüllt und tobt, wenn die Mutter klagt und jammert, dann braucht nur er eine Missetat zu begehen, und Friede ist wieder eingekehrt zwischen Vater, Mutter und Kind, ist das nicht Macht? Nur nicht die, Prügel zu verhindern. Auch nicht die, sich dagegen zu wehren. Noch nicht einmal die, nicht zu weinen. Die wird er erst haben, wenn er erwachsen ist, das weiß er, und er ballt schon einmal die Fäuste gegen den wütenden Schmerz, dort, hinterm Sofa, und wartet auf die Versöhnung.
Wenn das Geschirrgeklapper lauter wird. Wenn die Mutter ihn zum Essen holt, leise, ein wenig gebückt. Wenn Oliver in die Küche tritt, den Kopf gesenkt, ohne Reue, ein bißchen Furcht, ein Kloß Beschämung. Wenn der Vater sagt, er werde Olivers Fahrrad reparieren, morgen, mit einem Augenzwinkern, und jetzt solle er doch bitte aufhören zu weinen. Wenn die Mutter ihm ein Taschentuch reicht. Wenn der Junge auf dem Stuhl kniet, schneuzend, dann wird zu Abend gegessen, ohne Hunger, aber aufgegessen, um keinen erneuten Streit heraufzubeschwören. Einen Gutenachtkuß für den Vater, der ihn an sich drückt, einen Gutenachtkuß für die Mutter, die ihn ins Bett bringt, und dann liegt er unter der Decke, mit dieser speziellen Macht auf seinem Po und geliebt.
Am Nachmittag besuchten uns Niko und Amanda, die in der oberen Wohnung wohnten. Amanda groß mit blonden kurzen Haaren, dahinter kam Niko, einen halben Kopf kleiner als sie, drahtig und mit einer Stirnglatze, hinter der strähnige braune Haare fast bis auf die Schultern hingen.
Amanda beugte sich zu mir herab, „Du wirst nicht größer!“, küßte mich flüchtig auf die Wange, und Niko stellte einen Apfelkuchen auf den Tisch.
„Selbstgebacken“, sagte er und drückte mich, daß mir die Luft wegblieb.
Toni deckte den Tisch.
„Von wem gebacken?“
„Von uns beiden“, antwortete Niko.
„Dann können wir uns ja auf was gefaßt machen.“
„Keine Angst, Amanda hat sich voll und ganz an meine Anweisungen gehalten.“
Amanda zog eine Augenbraue hoch, die linke, weit bis unter ihre blonden Haare.
„Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre das Ding verkohlt.“
„Für eine Wissenschaftlerin nicht schlecht.“
Ich schenkte ihr Kaffee ein, dann suchte ich neben dem dösenden Hund unterm Tisch einen Platz für meine Beine.
„Wo hast du Jeff gelassen?“ fragte Niko.
„Irgendwo in London.“
„Warum ist er nicht mitgekommen?“
Ich blies vorsichtig in meine Tasse.
„Weil wir uns getrennt haben.“
„Oh. Und wann?“
„Juli.“
„Warum?“
„Es hat nicht funktioniert.“
„Das ist doch kein Grund.“
Er grinste Amanda an, und ich schob ihm seinen Teller unter die Nase.
„Ach, iß auf und sei still.“
In regelmäßigen Abständen sagte Toni, er würde nicht verstehen, wie die beiden sich arrangierten. Amanda, die ihre Dissertation in Soziologie schrieb, und Niko, der tausend Ideen hatte, genauso viele Sachen anfing und wieder aufhörte. Er zuckte einfach die Achseln, es mache ihm halt keinen Spaß mehr, und daran hatte sich bisher nichts geändert. Mit zweiunddreißig jobbte er immer noch in der Kneipe und fuhr immer noch jeden Sommer und Winter mit Amanda nach München aufs Festival, um seine bemalten Klodeckel zu verkaufen. Aber selbst die, sagte Amanda, würden nicht rechtzeitig fertig werden, wenn sie sich nicht in den letzten Wochen ununterbrochen in die Werkstatt stellen würde. Nach der Trennung von Heike jedoch, hatte Toni erzählt, hätte er nicht mehr aus noch ein gewußt ohne Niko und Amanda, die ihn wochenlang bekochten und in die Kneipe schleppten, mit denen er abendeweise vor dem Fernseher saß, er müsse jetzt erst einmal aus der leeren Wohnung raus, hätte Niko gemeint, und damit hatte er wohl recht gehabt.
„Wie war dein Flug?“ fragte Amanda.
„Stürmisch überm Ärmelkanal. Und neben mir saß ein Anzugmann mit Aktenkoffer, der mir erklärte, daß das Flugzeug, die Jacken der Passagiere und die Passagiere selbst mit gleicher Geschwindigkeit abstürzen würden.“
„Nein.“
Toni schüttelte den Kopf.
„Das gilt nur für den luftleeren Raum.“
Ich stützte mein Kinn in die Hand.„Was du alles weißt.“
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